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Kleine Baumeister ganz groß

2013-08-19 17:46

Als Projektleiter der Erneuerung der ca. 100 Jahre alten Eisenbahnüberführung über die Treskowallee in Karlshorst (ein Teilprojekt der Ausbaustrecke Berlin – Frankfurt (Oder) – Grenze Deutschland/Polen der Deutschen Bahn AG) wagte ich die Frage an die Gruppenerzieherinnen meines Sohnes, ob ein Besuch auf der Baustelle realisierbar wäre. Meine Frage wurde freudig aufgenommen und die Planung für den Kita-Besuch konnte beginnen.

Ergänzend zu der Planung des Kita-Besuches erfolgten im Vorfeld meinerseits hinführende Erklärungen. Das Bauprojekt hatte vom 21.06.2013 bis 28.06.2013 seinen Höhepunkt, als der Regional- und Fernverkehr für 150 Stunden gesperrt wurde, um den neuen 240 Tonnen schweren Brückenüberbau mittels modernster Hubtechnik auf den neuen Unterbau zu heben. Der Unterbau wurde innerhalb des vergangenen Jahres während laufenden Bahnbetriebs erneuert. Der Schienenverkehr wurde in dieser Zeit über filigrane, sogenannte Hilfsbrücken abgewickelt, die im Mai 2012 eingebaut wurden, um im Anschluss die Erneuerung des alten Brückenunterbaus unter rollendem Zugverkehr zu ermöglichen.

17 wissenshungrige Kinder aus der Rosenkranz-Kita konnten nun dieses Ereignis nutzen und machten sich am 25.06.2013 mit ihren Erzieherinnen auf den langen Weg zur Baustelle nach Karlshorst.  Um ca. 09:30 Uhr habe ich die Gruppe auf dem S-Bahnsteig Karlshorst  bei strömenden Regen empfangen. Ungebrochen weder durch die ca. einstündige S-Bahn-Fahrt noch durch die erbarmungslos anhaltenden Wolkenbrüche zog die Gruppe – allesamt ausgestattet mit Regenvollschutzausrüstung los in Richtung Baustelle.

 

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Erstes Ziel war die Baustelleneinrichtungsfläche, der Aufstellfläche für Material, Geräte und Lagerung von Baustoffen sowie Standort der Büroeinheiten der Bauleitung und Bauüberwachung. Nach einer kurzen Einweisung und ein paar allgemeinen sicherheitstechnischen Hinweisen zum Verhalten 4- und 5-Jähriger auf Baustellen zog die bis in die regengetränkten Haarspitzen disziplinierte Gruppe über das Areal in Richtung des neuen Brückenbauwerks. Der neue Überbau war über Nacht in seine zukünftige Position gebracht worden und wartete dort auf den sogenannten Absetzvorgang, der das Bauteil auf die erneuerten Unterbauten absetzen sollte. So konnte man das neue Bauwerk noch auf den beiden ferngesteuerten und GPS-Koordinaten gestützten Transporteinheiten bestaunen und Parallelen zu heimischen Duplo-Konstruktionen erkennen und angeregt diskutieren.

Parallel hierzu haben wir ein in unmittelbarer Nähe stehendes Schweißgerät besichtigt und die Funktionsweise im Groben durch die Projektleitung erläutert. Das miteinander Verschweißen von Stahlteilen einer Brücke sei demnach durchaus vergleichbar mit dem Verkleben von Papp-, Styropor- bzw. Papier-Elementen zur Montage eines Deko-Osterhasen. Auf die Unterschiede der jeweiligen Fertigungstemperaturen wurde dabei nur andeutungsweise eingegangen.

Ein am Rande der Baustelle eigens für die Kinder positionierter Zweiwegebagger mit Abbruchhammeranbauteil stand für den nächsten Programmpunkt bereit. So erlangte bei Interesse jedes Kind eine Einweisung in die Funktionsweise der Maschine und konnte sich in der Bedien-Kanzel ein eigenes Bild von der Handhabung und Benutzerfreundlichkeit des Gerätes machen. Hierbei zeigte sich, wie unterschiedlich die Interessen innerhalb der Gruppe doch waren. So zogen es einige Kinder vor, einem nahe gelegenen Schweißbrenn-Trupp bei der Verschrottung alter Stahlteile zuzusehen und mieden den Kontakt zur Baggertechnik. Andere wiederum waren aufgrund übersteigerter Begeisterung schwer wieder aus dem Bagger herauszulösen.

Der durch Anreisestrapazen, Regen sowie Eindrücke auf der Baustelle langsam gesteigerte Appetit der Kinder äußerte sich schließlich in einem mehrtönigen „Jaaaaa!“-Ruf der Gruppe auf meine Frage, ob denn jemand Hunger verspüre. So suchten wir die nahe gelegene Container-Burg auf, nahmen Platz im Haupt-Besprechungsraum der örtlichen Bauüberwachung, breiteten die mitgebrachte Verpflegung zwischen Bauablaufplänen und Logistikkonzepten aus und starteten das wohlverdiente Außerhaus-Brunch in euphorischer Atmosphäre.

Zum Abschluss ging es in die Havanna Bar zum Eis essen, was ich noch am Vorabend sicherstellen konnte.

Kurz nach Elf verabschiedete ich die Kinder und Erzieherinnen noch während der gefräßigen und fast schon unheimlichen Stille während des Eisverzehrs in der Havanna Bar. Trotz schwieriger Situation und angespannter Nerven im gesamten Projekt-Team war in jedem Fall der Tag derer gerettet, die heute die Chance bekommen hatten, dieser zauberhaften Gruppe bei ihrem wissbegierigen und fröhlichen Baustellenrundgang zuzusehen. Und vielleicht trug gerade dieser Anblick als Motivationsschub aller am Bau Beteiligten dazu bei, dass schließlich am 28.06.2013 um 04:00 Uhr morgens sämtlicher Rückstand aufgeholt war und die Züge pünktlich wieder fuhren.

Vielen Dank für diesen unvergesslichen Besuch, liebe Rosenkranz-Kinder! Wir werden Euern Auftritt nie vergessen und hoffen, auch Euch hat es gefallen!

Martin Baitinger
Projektleiter und Kita-Papa

 

Weitere Bilder vom Besuch der Baustelle finden Sie in der Bildergalerie.

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