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Prävention als Erziehungshaltung

2013-10-30 12:34

Am 23.10.2013 stellten sich ca. 40 Eltern sowie Frau Dickhut und ein Großteil der Erzieherinnen der Auseinandersetzung mit dem sensiblen Thema „Prävention vor sexuellem Missbrauch an Kindern“. Referentin war Frau van Os von Strohhalm e.V.
Strohhalm e.V. (1987 in Berlin gegründet) arbeitet mit einem kleinen Team von 4 Mitarbeiterinnen schwerpunktmäßig in den Bereichen Prävention und Beratung. Die Angebote richten sich sowohl an Fachkräfte, die mit Kindern arbeiten als auch an die Kinder selbst. Über Workshops, angeleitete Rollenspiele, Körperübungen, Puppenspiel und Kindersprechstunde können und sollen Kinder im Elementarbereich (3 -6 Jahre) sowie in den ersten Grundschulklassen altersentsprechend mit den Themen sexuelle Gewalt / Übergriffe/ Selbstschutz / Selbstbewusstsein vertraut gemacht werden. Bei den Infoabenden für Eltern und den Beratungs- und Fortbildungsangeboten für pädagogische Fachkräfte geht es in erster Linie um Begriffsklärung, Sensibilisierung, Bezug zum Alltag, aber auch um konkrete Präventionsmaßnahmen im Sinn einer bewussten Erziehungshaltung.

Vorneweg sei gesagt, dass es Frau van Os den ganzen Abend über vortrefflich gelang, den Zuhörenden das schwierige und oftmals tabuisierte Thema durch ihre erfrischende und lebendige Darstellungsweise nahe zu bringen. Ihre Beispiele waren alltagsbezogen, nachvollziehbar und durchweg der eigenen Berufs- oder Familienpraxis entnommen.
Um sich mit dem Thema Prävention vor sexuellem Missbrauch auseinandersetzen zu können, bedarf es zunächst einer Begriffsklärung. Die nachfolgend genannten Zahlen beziehen sich auf eine Definition, nach der unter sexuellem Missbrauch jede Form sexueller Aktivitäten verstanden wird, die von Erwachsenen oder strafmündigen Jugendlichen (ab 14 J) an und mit Kindern vollzogen werden. Dazu zählen auch Handlungen, bei denen Kinder zur eigenen Lustbefriedigung benutzt werden, selbst wenn sie nicht direkt involviert sind z.B. beim gemeinsamen Anschauen von entsprechenden Filmen, Exhibitionismus, Masturbation. Ausgehend von dieser eher weit gefassten Begriffsdefinition lieferte Frau van Os erschreckende Zahlen (bezogen auf das Bundesgebiet und weitestgehend in Übereinstimmung mit polizeilichen Erhebungsdaten):
Jedes 4. - 5 Mädchen erlebt sexuellen Missbrauch und jeder 10. - 12. Junge.
Von diesen erleben 40 – 50 % den Missbrauch 2mal und öfter, 50 – 60% einmalig. Bei insgesamt ca. 15 % liegt schwerer sexueller Missbrauch vor.
85 % der Täter sind Männer und immerhin 15 % sind Frauen!
Unter den Tätern befinden sich auffallend viele in der Altersgruppe der 14 – 18 jährigen. Ansonsten sind alle Alters- und Bildungsschichten vertreten, religiöse und kulturelle Bindungen scheinen keine besondere Rolle zu spielen.
Die 6 – 12jährigen bilden die stärkste Opfergruppe, gefolgt von Kindern im Kitaalter. Jugendliche Mädchen sind nicht -entgegen vielleicht mancher Vermutungen- vorrangig betroffen. Dies wird damit begründet, dass beim sexuellen Missbrauch der Machtmissbrauch im Vordergrund steht, nicht die sexuelle Attraktivität des Körpers.
Ca. 15 % der Täter sind pädosexuell (nicht pädophil, denn mit Liebe haben diese Handlungen nichts zu tun), d.h. sie fühlen sich ausschließlich vom kindlichen Körper angezogen, die übrigen 85 % haben „normale Neigungen“.
Bei 75 % der Täter handelt es sich um Nahtäter, von denen wiederum 25 % aus dem familiären Umfeld stammen (z.B. Onkel, Tanten, Cousins, Brüder, Väter), 50 % aus dem sozialen Umfeld (z.B. Schule, Sport, Nachbarschaft, Kirche).
25 % sind Fremdtäter.

Es lassen sich Opfergruppen bilden, die besonders häufig betroffen sind.
Dazu zählen
•    Kinder mit sozialen und emotionalen Defiziten (die z.B. in der Familie geschlagen werden und dort erleben, dass sie keine Macht haben sich zu wehren )
•    Kinder mit körperlicher und/oder geistiger Behinderung (die oftmals nicht über die sprachlichen und kognitiven Möglichkeiten verfügen, Situationen einordnen und beschreiben zu können)
•    Kinder, die vernachlässigt werden (und z.B. häufig sich selbst überlassen bleiben, auch an gefährlichen und einsamen Plätzen)
•    Kinder, die in sexual tabuisierender Atmosphäre aufwachsen.

Frau van Os machte sehr überzeugend deutlich, dass Präventionsschutz mit einer entsprechenden Erziehungshaltung einher geht, die bereits beim jungen Kind beginnt. Bereits beim Säugling können wir wahrnehmen, dass er bestimmte Bedürfnisse wie Hunger, Schlaf, körperliche Nähe...z.B. durch Schreien oder Weinen äußern kann. Ebenso zeigt er uns z.B. durch Versteifen des Körpers oder Abwenden des Kopfes, dass er bestimmte Handlungen evt. auch von bestimmten Personen nicht möchte. Das Kind entwickelt früh ein Gefühl für seinen Körper und ein Gespür dafür, was ihm angenehm oder unangenehm ist, wenn es mit seinen Signalen und Empfindungen ernst genommen wird. In unserem familiären oder beruflichen Erziehungsalltag bieten sich uns unzählige Möglichkeiten das Selbstbewusstsein unserer Kinder zu stärken und so wenige Anknüpfungspunkte wie möglich für Täterstrategien zu liefern. Kinder haben gute Chancen keine Missbrauchsopfer zu werden, wenn sie in der Familie und in ihrem Erziehungsumfeld mit ihren Gefühlen ernst genommen werden, wenn sie erleben, dass ihre Meinung zählt und gehört wird, wenn sie (gerade als Jungen) auch Tränen, Schmerz und Angst zulassen dürfen, wenn offen über Themen gesprochen werden kann, wenn Entscheidungen (ja/nein) möglich sind und anschließend auch so akzeptiert werden.

Zusammengefasst münden diese Maßnahmen in 6 Präventionsthemen, die Frau van Os abschließend erläuterte, untermauert mit zahlreichen Beispielen, bei denen wir Zuhörende uns gut wiederfinden konnten. Sie ließ zudem auch  immer wieder Buchempfehlungen einfließen, um das Thema auch über dieses Medium publiker zu machen. Die nachfolgend genannten Präventionsthemen sind auch Bestandteil der Präventionsprogramme für Grundschulklassen.

1.    Dein Körper gehört dir! (Alltagsbeispiele: Der feuchte Kuss der Oma zur Begrüßung, die Tante, die das Kind vor Freude „in die Luft wirft“, der Onkel, der die Nichte auf seinen Schoß setzt. ).
2.    Vertraue deinem Gefühl (das „Bauchgefühl“ hat meistens Recht).
3.    Das Recht „Nein“zu sagen.
4.    Gute und schlechte Geheimnisse (wenn das Kind zu Hause häufig Geheimnisse mit einem Elternteil vor dem anderen hat in dem Sinn“das müssen wir ja der Mama gar nicht erzählen, das bleibt unser Geheimnis“, wird es auch „schlechte Geheimnisse“ länger bewahren).
5.    Das Recht auf Hilfe.
6.    Kinder haben keine Schuld (an Missbrauchssituationen)!!!

Selbstverständlich handelt es sich bei dem Thema Prävention vor sexuellem Missbrauch um ein so umfangreiches, teilweise aber auch belastendes, dass weiterer Redebedarf wohl bestehen bleibt. Alle aber, die an diesem Themenabend teilgenommen haben, konnten schon jetzt mit neuem Wissen, ermutigenden Anregungen und nachdenklich stimmenden Beispielen nach Hause gehen. Herzlichen Dank an Frau van Os für diesen äußerst informativen und in die Tiefe gehenden Abend. Vielen Dank auch an Frau Dickhut, die das von einigen Eltern vor längerer Zeit geäußerte „Wunschthema“ in dieser Form aufgegriffen hat.

Sabina Rooß (Kitamutter)

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